Ein Plädoyer für unperfekte Texte

Ein Plädoyer für unperfekte Texte

Wenn die eigenen hohen Erwartungen zum Hindernis werden

Gerade wir Kreativlinge stellen an uns und unsere Arbeit gern besonders hohe Ansprüche. Etwas so gut wie irgend möglich zustande bringen zu wollen und das eigene Tun mit kritischem Blick zu betrachten, ist ja auch durchaus löblich und kann ein motivierender Ansporn sein. Blöd wird’s allerdings, wenn wir uns aus unseren Erwartungen ein trutziges Bollwerk bauen, das dann im Weg herum steht, sodass wir gar nicht erst ins Kreativ-Land kommen. Weil wir uns selbst nicht gerecht werden können, fangen wir gar nicht erst an. Und niemand wird je zu Gesicht kriegen, was entstanden wäre, wenn wir losgelegt hätten.

Ist das nicht verdammt schade? Und ärgerlich? Und traurig?

Find ich auch! Und nun?
Bloß nicht den Kopf hängen lassen, resignieren und sich mit dem ollen Bollwerk abfinden!

Ich erzähle dir einfach mal von meiner letzten Schreibblockade und was ich dagegen unternommen habe:

Der allererste Blogartikel: Eine Geschichte mit Hemmschuh, fieser Stimme und Happy End

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich beschlossen, dass ich gerne einen eigenen Blog auf meiner Website haben möchte, den ich mit anregenden Texten über das Dasein als etwas schräge Schreiberin, das Einzelunternehmertum und nützlichen Tipps und Tricks bestücken kann. Der allererste Beitrag wollte geschrieben werden. Wie aufregend!

Bevor ich allerdings tatsächlich dazu kam, mich dranzusetzen und mit dem Schreiben anzufangen, musste ich auch erst mal einen ganzen Haufen Gedanken aus dem Weg räumen, die sich zum mentalen Bremsklotz zusammengerottet hatten: Was soll denn nun da rein, in diesen ersten Artikel? Schließlich ist der allererste Blog-Beitrag etwas ganz Besonderes, der Einstand, sozusagen der Ur-Artikel! Muss da nicht gleich ein Knaller her, eine echte Sensation, etwa „die 10 besten Tipps für richtig geile Texte“? Oder sollte ich doch lieber ein Vorstellungsbuffet arrangieren und alle Werte, Visionen, Angebote und Mehrwerte nochmal übersichtlich als appetitanregende Häppchen auftragen? Man könnte natürlich auch wieder den guten alten Hesse und seinen Zauber, der allem Anfang innewohnt, bemühen …

Böööser Fehler! Denn SCHWUPPS sprang auch schon der Perfektions-Messer an und nichts war mehr gut genug für den ersten Beitrag. Jede Idee wurde verworfen und ich saß, gefrustet an meiner E-Zigarette saugend, vor dem Bildschirm und brachte kein einziges Wort ins Word. Alle Klopfgeister waren ausgeflogen und mir blieb nur mein alter Hass-Kumpan, die fiese Stimme aus dem Off.

„Du bist Texterin“, flüsterte sie eindringlich. „Germanistin! Sprachwissenschaftlerin! Da musst du schon etwas bieten! Dieser Beitrag muss richtig Eindruck machen! Du musst besser schreiben als die Konkurrenz, damit alle sofort auf den ersten Blick sehen, was du draufhast!“

Ok, alles klar! Und warum klappt das jetzt nicht? Wenn ich für andere schreibe, dachte ich bei mir, fallen mir doch auch so viele tolle Sachen ein. Wieso kann ich dann jetzt für mein eigenes Business keinen schicken Text schreiben?

Ganz einfach: Was mir das ominöse körperlose Organ einreden wollte, war: „Dein erster Blog-Beitrag muss perfekt sein!“ Dadurch war der Plan zum unmöglichen Unterfangen mutiert und ich hatte mir eine wunderschöne ausgewachsene Schreibblockade gebaut.

Na toll! Und was jetzt?

 

Muss der Text wirklich perfekt sein?

Zuallererst hab ich mich gefragt: Wieso hab ich denn überhaupt das Bedürfnis, einen perfekten Blog-Text zu schreiben? Natürlich sind dabei einige Gründe zusammengekommen:

  • Wenn mein Beitrag perfekt ist, kann niemand etwas daran aussetzen.
  • Ein perfekter Text schützt mich. Ich bin nicht angreifbar und fühle mich sicher.
  • Wenn mein Text perfekt ist, bedeutet das, ich habe keine Fehler gemacht.
  • Für einen perfekten Text werde ich nicht kritisiert.
  • Mit einem perfekten Artikel zeige ich meinen potenziellen Kunden auf die bestmögliche Weise, was ich kann. Dadurch lernen sie mich von meiner besten Seite kennen, mögen mich und vertrauen mir, sodass ich viele tolle Aufträge bekomme.

Das hat mir gezeigt: Ich habe Angst, Fehler zu machen, weil ich nicht angegriffen und kritisiert werden will und von meinen zukünftigen Auftraggebern gemocht und für gut befunden werden möchte. Nun habe ich mich gefragt: Kann ich das mit einem perfekten allerersten Text überhaupt erreichen?

Ein perfekter Text ist keine gute Lösung!

Kann ich überhaupt einen Text schreiben, an dem niemals jemand etwas auszusetzen haben wird?
Antwort: Geht nicht! Man kann es nämlich nicht allen recht machen. Manchen wird der Beitrag zu lang sein, manchen wiederum nicht lang genug. Einigen werden den Text zu persönlich finden, andere werden sich nicht für das gewählte Thema interessieren, etc.

Schützt mich ein perfekter Text tatsächlich vor Angriffen, sodass ich mich rundum sicher fühlen kann?
Antwort: Unwahrscheinlich! Sobald wir etwas geschaffen haben und uns trauen, damit in die große weite Welt hinauszugehen und es anderen zu zeigen, machen wir uns angreifbar. Hier brauchen wir einfach ein bisschen Mut, um uns zu trauen, es trotzdem zu tun.

Kann ich überhaupt einen Text schreiben und dabei keinen einzigen Fehler machen (und ich rede hier wohlgemerkt nicht von Rechtschreib- oder Grammatik-Patzern)?
Antwort: Vielleicht. Wenn ich ein paar Jahre Zeit habe, dran herumzufeilen … Aber wahrscheinlich wird der Text dann niemals fertig werden. Denn der einzig sichere Weg, keine Fehler zu machen ist: Genau! Gar nichts machen. Wer nichts macht, der macht auch nichts falsch, wird aber auch niemals etwas erschaffen. Und das wollen wir ja gerade nicht!

Werde ich für einen perfekten Text wirklich nicht kritisiert?
Antwort: Auch das ist nicht sicher. Wer Kritik äußern möchte, wird immer etwas zum Kritisieren finden. Aber ist das so schlimm?
Wenn wir:

  • konstruktive Kritik ernten: Dann können wir daraus nützliche Anregungen mitnehmen und es das nächste Mal vielleicht besser oder anders machen.
  • destruktive Kritik ernten: Ja, dann ist das halt so. Nervige Nörgler wird es immer geben. Nun können wir lernen, damit umzugehen.

Sorgt ein perfekter Text dafür, dass meine Wunschkunden mir vertrauen, mich mögen und mich beauftragen?
Antwort: Nein! Der allererste Text wird kaum so viel Sympathie und Vertrauen schaffen, selbst wenn er noch so besonders ist. Vielleicht fühlen sich viele von diesem Übermaß an Perfektionismus ja sogar abgeschreckt. Schließlich sind meine Lieblingskunden unkonventionelle Freigeister, die ebenfalls mit dem, was sie tun, vorankommen möchten, und eine gesunde Fehlerkultur daher bestimmt zu schätzen wissen.

 

Die Texte der anderen

Weißt du, was mir noch geholfen hat, endlich mit dem Schreiben anzufangen? Der Entschluss, doch mal nach links und rechts zu schielen und mir anzuschauen, wie es andere gemacht haben. Klar, man soll sich nicht mit anderen vergleichen und erst recht nicht dasselbe machen, aber einfach mal einen Blick riskieren, um:

  • ein bisschen Inspiration zu tanken
  • zu schauen, was man anders machen kann und was es noch nicht gibt
  • sich klar zu machen, dass die anderen auch nur mit Wasser kochen

ist auf jeden Fall erlaubt. Immerhin habe ich damit schon so manche Blockade zum Einsturz gebracht. Ich hab mir also viele erste Artikel von anderen Blogs angeschaut.

Und was hab ich gefunden? Große Einstandsfeiern? Sensationen? Augen öffnende Spektakel?

Pustekuchen!

In vielen Blogs unterscheidet sich der erste Beitrag nicht großartig vom zweiten, dritten oder fünfzehnten. Die meisten Blogger haben einfach angefangen, ohne um ihren ersten Artikel ein großes Brimborium zu veranstalten.

Also doch, wie meine liebe Mastermind-Genossin Annika Lewin so gern sagt: „Einfach mal machen, könnte gut werden!“

Und da war es! Mein kleiner roter Klopfgeist kam zu mir zurückgeschwebt und hat der Unke die Klappe gestopft.

Warum muss es in meinem ersten Artikel denn nur um mich gehen? Ist doch eigentlich viel cooler, mich bei all den Leuten zu bedanken, die dafür gesorgt haben, dass ich überhaupt ein Business habe, über das ich schreiben kann.

So ist aus meinem ersten Blogartikel ein Dankeschön geworden. Er ist nicht perfekt, denn ich habe mit Sicherheit nicht alles richtig gemacht, aber er ist fertig und kann von allen, die das möchten, gelesen, kommentiert und kritisiert werden.

Was meinst du, was sich für ein tolles Gefühl eingestellt hat, als ich den Beitrag endlich veröffentlicht habe: Geschafft! Etwas Neues beginnt. Das Abenteuer nimmt Fahrt auf. Der erste Schritt ins nächste Level ist getan.

Ende

So, ich hoffe, meine kleine Geschichte hat dir gefallen und macht dir vielleicht ein bisschen Mut, wenn du das nächste Mal vor lauter Erwartungsbarrikaden nicht vorankommst. Oder hast du schon eine eigene Strategie, mit der du deine Perfektionismus-Anfälle überwindest? Erzähl doch mal!

 

 

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