Unsere Freunde, die Füllwörter, … können ganz schön nützlich sein

Roter Klopfgeist "Leidenschaft" mit Füllwort | KLopfecke - Texte mit Geist


Waaas, deine Texte enthalten Füllwörter? Dann zücke jetzt sofort den digitalen Rotstift und streiche sie allesamt aus deinen Schriftstücken. Das macht deine Texte effizienter, beschert ihnen einen exorbitanten Qualitätszuwachs, dreimal so viele Leser und lässt obendrein ihren professionellen Eindruck aufblühen wie den Löwenzahn zwischen den Gehwegplatten.

Schließlich sind Füllwörter total überflüssig. Geschwafel eben. Gedankenlos dahingeschriebene Wörter „mit wenig Aussagewert“ (O-Ton Duden), die bloß zum Vertuschen der Denkpausen da sind, ähnlich wie die „Ähs“ und „Ähms“ in der gesprochenen Sprache. Sie blähen deine Texte unnötig auf, verlängern die Lesezeit, nerven und langweilen, sodass dir die Leser scharenweise davonrennen.

Glaubst du nicht?

Texte mit „Füllwörtern“ sind schlechte Texte? So ein Quatsch!

Ich auch nicht!

Obwohl ich in jedem zweiten Blog mit Schreibtipps eine Füllwort-Verteufelung finde, die mir weiszumachen versucht, dass die Abwesenheit eben dieser Füllwörter jeden Text besser macht und das auch wortreich begründet.

Um die Nutzlosigkeit besagter Wörter zu demonstrieren, sind in den entsprechenden Artikeln oft an strategisch überflüssigen Stellen durchgestrichene Wörter eingefügt, die dort tatsächlich so gut wie überhaupt nichts zum Text beitragen.
Im Internet kursieren ganze Listen mit Wörtern, die wir ab jetzt als „Füllwörter“ abstempeln und tilgen sollen. Sogar Tools, die uns dabei helfen, existieren inzwischen einige.

Nicht mit mir! Wenn’s darum geht, arme Wörtchen schlechtzureden, weil sie nicht zum allseits bejubelten Effizienzdenken passen, wird’s für mich Zeit, die Gegenseite zu stärken.

Stöberst du hier auf meinem Blog durch meine Texte, wirst du bildhafte Ausdrücke, verschmitzte Wendungen und, ja, auch so einige „Füllwörter“ darin finden. Und, glaub mir: Keins davon hat sich da hineingeschlichen, weil ich grad nachgedacht oder mein Hirn gleich ganz ausgeschaltet hab. Die wurden alle bewusst und mit Absicht dort platziert.
Sind meine Texte deshalb schlecht? Das darfst du gerne selbst beurteilen.

Keine Sprache bringt überflüssige Wörter hervor

Die Sache ist nämlich die: Kein Wort ist per se nützlich oder überflüssig. Die deutsche (und auch jede andere) Sprache bringt keine nutzlosen Wörter hervor, die nur als Füllstoff dienen.
Jedes Wort hat eine Funktion.

Nun ja, „Füllwort“ ist keine Wortart, keine grammatische Kategorie, sondern eine abwertende Bezeichnung für Wörter, die nicht direkt auf der Sach- und Inhaltsebene wirken, aber die emotionale Wirkung unserer Aussagen steuern. Wir können unsere Aussagen damit verstärken oder abmildern, unsere Einstellung kommunizieren und unseren Texten eine bestimmte Tonalität geben.

Wir können ausdrücken, dass wir hier bloß einen vorsichtigen Vorschlag formulieren, dort aber auf den Tisch hauen und andernorts nur bis zu einem gewissen Grad mit der vorherrschenden Meinung konform gehen. Dazu eignen sich manche dieser Wörter wunderbar, um ironische Aussagen als solche kenntlich zu machen.

"Füllwörter" verändern nicht die inhaltliche Aussage, aber die emotionale Wirkung

Ob ein Wort nützlich ist oder nicht, hängt nicht nur vom Wort und seiner Kategorie ab, sondern auch von der Situation, dem Kontext, der Textart und der Funktion des Texts. Welche Aufgabe soll dein Text für dich übernehmen? Welches Ziel möchtest du damit erreichen?

Schreibst du eine Gebrauchsanweisung, bei der es nur darum geht, Nutzern die erforderlichen Informationen zukommen zu lassen, um eine bestimmte Handlung korrekt auszuführen, kannst du getrost auf alle Wörter verzichten, die vage den Eindruck erwecken „Füllwörter“ zu sein.

Möchtest du aber eine Beziehung zu deinen Lesern aufbauen, ihre Sympathie gewinnen, sie unterhalten oder anrühren, sie mitreißen und eventuell sogar zum Kauf eines Angebots bewegen, können dir die Wörter, die von anderen als „Füllwörter“ abgestempelt werden, gute Dienste leisten.

Welche Wörter gern als „Füllwörter“ verunglimpft werden.

Abgesehen von ihrem „geringen Aussagewert“ haben die „Füllwörter“ noch eine weitere Gemeinsamkeit: Sie können in der Regel nicht flektiert oder dekliniert werden, passen sich also nicht an andere Wörter oder Satzglieder an. Was allerdings nicht bedeutet, dass alle unflektier- oder -deklinierbaren Wörter „Füllwörter“ sind.

Auf den erwähnte Listen, die du vielerorts innerhalb und außerhalb des WWW findest, stehen noch diverse weitere Wörter, die nach Meinung mancher Text-Experten „wenig Aussagewert“ besitzen und aus den Texten verschwinden sollten.

Wieso "Füllwörter" in deinen Texten nützlich sein können

Die wenigsten Texte sind allein zur Vermittlung von Inhalten da – gerade im Marketing. Schließlich sind unsere Leser:innen und potenziellen Kund:innen keine rational operierenden Informationsverarbeitungsmaschinen, sondern menschliche Wesen mit Gefühlen und Bedürfnissen. Und diese Gefühle und Bedürfnisse sollten wir mit unseren Texten ansprechen, wenn wir unsere Kommunikationsziele erreichen wollen.

Wie der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick so schön gesagt hat: Jede Nachricht hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt. Und der Beziehungsaspekt bestimmt, wie der Inhalt wahrgenommen wird.

Ein weiteres Axiom von Watzlawicks Kommunikationstheorie lautet: Menschliche Kommunikation bedient sich digitaler und analoger Modalitäten. Mit „digital“ ist hier nichts Elektronisches gemeint, sondern das rein Sprachliche, die Zeichen, die ganz bestimmte, voneinander abgrenzbare Bedeutungen tragen – die Wörter unserer Sprache. (Das Fass mit den Phonemen und Morphemen erspare ich dir an dieser Stelle.)

„Analog“ ist das ganze nichtsprachliche Beiwerk, dass wir nutzen, um unseren Wörtern und Sätzen zusätzliche Informationen hinzuzufügen: Mimik, Gestik, die Modulation unserer Stimme.

Beim Schreiben von Texten stehen uns diese analogen Möglichkeiten nicht zur Verfügung. Also dürfen wir uns anderer Mittel bedienen, um den Beziehungsaspekt in unsere Kommunikation einzubringen – beispielsweise „Füllwörter“.

Ein Beispiel dazu:

„Das ist gut geworden.“

Eine klare Aussage, die vermittelt: Das Ergebnis ist mehr als zufriedenstellend.
Schreiben wir stattdessen:

„Das ist doch ganz gut geworden.“

„Das ist ziemlich gut geworden.“

„Das ist eigentlich gut geworden.“

„Das ist besonders gut geworden.“

Dann stellen wir fest: Jede Version wirkt auf uns ein bisschen anders, bringt eine andere Saite zum Klingen, obwohl die Sachaussage doch die gleiche ist.

„Das ist doch ganz gut geworden“, lässt erahnen, dass die Erwartung anders ausgesehen hat.

In „das ist ziemlich gut geworden“, ist überraschte Bewunderung spürbar.

Bei „das ist eigentlich gut geworden“, hört man das stille „Obwohl …“ schon mit.

Und bei „das ist besonders gut geworden“, kann man sich denken: Okay, alles andere war auch schon gut, aber DAS ist eben BESONDERS gut geworden.

Du merkst: All diese Wörter liefern nützlichen Zusatz-Input und sind damit alles andere als überflüssig.

Das machen sich auch die Profis zunutze, ob sie’s nun zugeben oder nicht.

Noch ein paar Beispiele:

Der Slogan eines bekannten Elektronik-Großmarkts sagt:
 „Ich bin doch nicht blöd!“

Stattdessen hätten sie auch „Ich bin nicht blöd!“ nehmen können – ohne „Füllwort“.
Wirkt aber nicht so gut.

Der Titel von Hape Kerkelings bekanntem humoristischen Erlebnisbericht in Buchform lautet:
„Ich bin dann mal weg“.

Das lapidare „dann mal“ steht in krassem Gegensatz zu dem Mammutprojekt, das er hier in Angriff genommen hat: Eine Pilgerreise auf dem Jakobsweg. Das gibt dem Titel eine ironische Note.

Ohne Füllwörter hieße das Ganze: „Ich bin weg“.
Ist einfach nicht das Gleiche.

Ein bekannter dramatischer Film aus den 1980er Jahren mit Donald Sutherland heißt:
„Eine ganz normale Familie“

Das verstärkende Adverb „ganz“ hat auch hier einen ironischen Effekt. Es wird angedeutet, dass es da etwas gibt, das diese Familie von der Norm abweichen lässt.

„Eine normale Familie“ schafft das nicht so gut.

Und was ist nun mit der längeren Lesezeit?

Je mehr Wörter ein Text umfasst, desto länger die Lesezeit – logisch. Geübte Leser können in etwa 250 – 400 Wörter pro Minute erfassen, wenn sie den Text wirklich Wort für Wort lesen und nicht bloß „scannen“. Das macht etwa vier bis sieben Wörter pro Sekunde. Von wie viel Lesezeit reden wir hier also? Von ein paar Sekunden, höchstens.

Und da deine Leser, wie bereits festgestellt, keine auf Effizienz ausgerichteten Informationsverarbeitungsapparate sind, wird ihnen das kaum auffallen, wenn sie ein angenehmes Leseerlebnis genießen dürfen. Ich zumindest investiere gern ein paar Sekunden mehr Lesezeit, wenn ich dafür einen freundlicheren Text zu lesen bekomme.

Wann sind Füllwörter nützlich, wann überflüssig? Ein paar Tipps für dich

Wie bei allem anderen, was mit Kreation zu tun hat, gilt auch bei Texten: Die Wahl der Gewürze und die Menge machen den Geschmack.

Wimmelt es in deinem Text von beschreibenden Verstärkern, doppelten Verneinungen und anderen Zwischentönen, wird es anstrengend, den Inhalt zu erfassen. Und niemand watet gern durch eine zähflüssige Masse, wenn er woanders im erfrischenden Lesefluss schwimmen kann.

Umgekehrt wirkt ein Text ganz ohne sprachliche Spielereien und emotive Verzierungen knochentrocken oder sogar unfreundlich. Im ausgetrockneten Fluss kommt man zwar besser voran als im Sumpf, doch vergnüglich ist es trotzdem nicht.

Die Probe aufs Exempel:

Bist du dir unsicher, welche „Füllwörter“ deinem Text wirklich dienlich ist, mach die Probe aufs Exempel:

  • Lies dir den Satz oder die Aussage laut vor. Einmal mit und einmal ohne Füllwort.
    Und achte dabei nicht nur auf den Aussagewert, sondern auf die Wirkung.
    Wirkt der Satz ohne „Füllwort“ genauso gut oder sogar besser? Dann lass es weg.
  • Hast du das Gefühl, es fehlt etwas und die Aussage drückt nicht mehr das aus, was du damit eigentlich sagen möchtest? Dann war das Wort wohl doch kein überflüssiger Füllstoff und darf gerne bleiben.
  • Wenn sich trotzdem noch Zweifel melden, frag andere Leute, am besten welche aus deiner Zielgruppe, um Feedback.

Aber komm bitte, bitte nicht auf die Idee, mit dem Rotstift oder der Löschtaste durch deine Texte zu marodieren und Wörter zu entfernen, bloß weil sie auf einer Liste stehen, die jemand mit „Füllwörter – machen deine Texte schlecht“ betitelt hat.

Was denkst du über Füllwörter? Rigoros streichen oder sorgfältig auswählen? Schreib mir doch einen Kommentar dazu. Und ja – auch Kritik ist willkommen. 🙃

Dieser Beitrag hat 13 Kommentare

  1. Liebe Dorit,
    sehr schöner Artikel.
    Ehrlich gesagt, habe ich noch nie so recht verstanden, warum vor Füllwörtern gewarnt wird. Ich sehe keinen Sinn darin, auf sie zu verzichten. Daher nutze ich sie weiterhin – bewusst und auch unbewusst – in meinen Blogbeiträgen.
    Liebe Grüße
    Annette

  2. Birte

    Liebe Dorit, wir sprachen ja schon in der Blognacht drüber… schön ist dein Artikel geworden! Ich verwende auch ganz gern mal 😉 Füllwörter. Danke für die Expertinnen-„Erlaubnis“, das auch weiterhin zu tun.
    Liebe Grüße, Birte

  3. Liebe Dorit,
    ich mag auch Texte mit Füllwörtern. Sie geben dem Text eine gewisse Würze. Danke auch für die anschaulichen Beispiele. Ich glaube die kann jeder nachvollziehen. Ich habe mir auch mal so eine Liste mit Füllwörtern ausgedruckt. Zum Glück schreibe ich nicht danach, sondern mehr wie es mir in den Sinn kommt.
    Liebe Grüße, Claudia

  4. Liebe Dorit,

    ich glaube, ich nutze auch ganz viele Füllwörter. Und das, ohne mir dessen bewusst zu sein.
    Ich finde, vor allem Blogtexte leben ja erst rcihtig durch eine Sprache, die schon ein bisschen an den Alltag angelehnt ist. Dann scheint es doch viel eher, als ob ich mit dem Leser spreche.
    Jedenfalls hat mir dein Artikel Mut gemacht, einfach dabei zu bleiben.

    Sei ganz lieb gegrüßt
    Andrea

    1. Dorit Flor

      Oh ja, mach das unbedingt, liebe Andrea! 😃
      Deine Blogartikel lesen sich so herzerfrischend – und sie klingen nach dir!
      Das darf gerne so bleiben. 😊

  5. Leila

    Yeah! Ich liebe deinen Artikel! Er spricht mir sowas von aus der Seele 😉
    Wir hatten einmal so eine schöne Sprache. Sie wird weiter und weiter zerstört wie ich finde.
    Deshalb ein definitives JA zu deinen Füllwörtern!

    1. Dorit Flor

      Herzlichen Dank für dein begeistertes Feedback, liebe Leila.
      Zum Glück lebt unsere schöne Sprache ja mit uns, die wir sie nutzen. Und sie wandelt sich auch mit uns.
      Wenn wir ihre schönen Facetten pflegen und in die Welt tragen, gehen sie nicht verloren. 💜

  6. Ja, ja, ja! Deine Worte tun mir gut. Sehr gut sogar.😉. Ich mag diese sogenannten Füllwörter auch genau deshalb, weil sie in der Lage sind Nuancen und Stimmungen zu kommunizieren und weil sie natürlich klingen. Ich fühle mich beim Schreiben und Lesen damit wohler, ein Text wirkt mir dadurch persönlicher. Ich checke sehr wohl im Nachhinein, ob es nicht zu viele sind und ob sie sitzen. Und die dürfen bleiben. Ich freue mich sehr, dass du dir dieses Thema zu Herzen genommen hast!

    1. Dorit Flor

      Wie schön, liebe Celine. 😊
      Mir geht es genauso: Texte, die nicht „totoptimiert“ sind, wirken einfach menschlicher, freundlicher
      – und lesen sich auch schöner.
      Freut mich, dass du auch ein Herz für wohlgesetzte „Füllwörter“ hast. 💜

  7. Wera Fengler

    Danke für diesen Artikel. Ich bin da ganz bei Dir. Füllwörter sollen nicht die inhaltliche Aussage verändern, aber die emotionale Wirkung.
    Toll geschrieben …
    Ich persönlich mag bewusst gesetzte Füllwörter ☺️

    1. Dorit Flor

      Ich danke dir, liebe Wera,
      – und bin glücklich, mit meiner Sympathie für die lieben „Füllwörter“ nicht allein zu sein. 😊

  8. Ich gehe da voll mit dir mit!
    Das konsequente Streichen der Füllwörter lässt die Sprache verarmen und ich bin damit absolut nicht einverstanden.
    Natürlich kann es manchmal sinnvoll sein, ein wenig zu verknappen, aber deinen Tipp, es mit und ohne vorzulesen und auf sich wirken zu lassen und dann zu entscheiden, finde ich gut!

    1. Dorit Flor

      Das freut mich, liebe Dagmar. 🙂
      Genau: Wir dürfen alle Wörter nutzen, die unsere schöne Sprache uns bietet.
      Das heißt ja nicht, dass bei der Optimierung nicht auch mal welche wegfallen dürfen,
      weil sie an der aktuellen Stelle eben doch nicht so gut wirken. 😉

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